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AUDIOphile, February'2000
Horbericht: Peter Geiger
Technik: Johannes Maier

German English

Warum muss ein Hybrid-Endverstärker, der interessanterweise sowohl mit Röhren als auch mit Transistoren operiert, so langweilig aussehenwie jeder andere US-Nachbrenner und mit der obligatorischen Panzer-Frontplatte und seitlichen Kühlflossen versehen sein? Und hat denn der Chef der Firma Lamm, Vladimir Shushurin, die Weisheit mit Löffeln gegessen? Er prahlt nun schon seit sieben Jahren: "Ich denke nicht daran, an unserer M1.1 irgendwas zu ändern, weil es da einfach nichts mehr zu verbessern gibt."

Wirklich? Können die Lamm-Monoblöcke tatsächlich die reinrassigen Röhren-Endstufen gefährden, die ich als Röhren-Fan und Techniker gerade getestet hatte? Um es gleich zu verraten: Nach dem Lamm-Genuss brauchte es Tage, bis ich mich an die wahrlich nicht schlampigen Röhren zurückgewöhnen konnte. Die Lamms gegen die allerdings deutlich günstigeren Widersacher -- das entwickelte sich ungefähr so wie ein Spiel von Bayern München gegen irgendeinen Dritt-Liga-Verein.

"Unglaublich," diskutierte ich später mit den anderen AUDIOphile-Technikern, "dass so ein Verstärker Magie entwickeln kann!" Die Tester grübelten: Liegt es an der unerhörten Strompotenz der M1.1, die auch vor kurzschlussähnlichen 1-Ohm-Lasten nicht kapitulieren? Oder daran, dass nicht nur ihre Eingangs-, sondern auch die Leistungsstufen im wärmenden, ebenso Ruhestromreichen wie verzerrungsarmen Class-A-Betrieb agieren, wobei ein Umschalter -- zur Anpassung an nieder-oder höherohmige Boxen -- eine Arbeitspunktoptimierung erlaubt? Oder bringt es der Verzicht auf eine Über-alles-Gegenkopplung, die tieffrequenten Klirr mehr unterdrückt als den weiter oben angesiedelten, und damit zu einer den Ohren wenig behagenden Unnatürlichkeit führen kann?

Nein, berichtete die Technik, das war bei Krell, Levinson, Pass, Rowland und dergleichen alles schon da. Schließlich gab es so etwas wie Shushurins Klirrtheorien lange, bevor Lamm auf sich aufmerksam machte, bereits in AUDIOphiles Schwestermagazin stereoplay zu lesen ("Ursache der Klangunterschiede", Heft 8/85; im französischen l'audiophile veröffentlichte Jean Hiraga damals Ähnliches). Dass die Oberwellen sich bei allen Aussteuerungsfrequenzen gleich verteilen und such nach dem Motto "mehr Leistung, mehr Klirr" dynamisch richtig verhalten sollen, ist also ein alter Hut.

Aber: Möglicherweise richtete noch niemand seine Konstruktionsarbeit so konsequent an dieser These aus wie der Russe. So ergibt der immense Aufwand, den Lamm mit den M1.1 treibt, einen Sinn. Etwa, dass jeder Monoblock ein Netzteil mit acht separaten Siebketten und einem in Antivibrations-Kunststoff schwimmenden Trafos besitzt, der -- obwohl er gewiss kaum jemals eine so hohe Spitzenleistung liefern muss -- theoretisch eine Dauerlast von 850 Watt aushalten kann. So erklären sich auch die Bemühungen, abschirmende und stromführende Chassis-und Platinen-Lieterbahnen konsequent zu trennen. Dass Shushurin exklusive Bauteile unterschiedlichster Hersteller, etwa Drahtwiderstände von PRC und Metallfilm-Typen von Dale, verwendet, oder Kondensatoren von Electrocube, Röderstein und Cornell Dubilier, deutet weniger auf Eitelkeit als auf Tuning-Eifer hin.

So erscheint denn schließlich auch die zunächst höchst ungewöhnliche wirkende Schaltung, bei der eine Röhre des Typs 6922 (alias ECC 88, Profi-UKW-"Spanngitter"- Doppeltriode) zwischen einem ultraschnellen Eingangs-Gegentakt-Verstärker und einer Treiberstufe operiert, verständlich. Garantiert doch das Vakuum in dem Kolben, dass nichts und wirklich gar nichts auf die empfindlichen (ohnehin schon mit Kaskode-Trenntransistoren versehenen) eingangsstufen zurückwirken kann. Die Gleichspannungs-Drifts unterbindende Kondensator-Ankopplung der zwölf Ausgangs- Feldeffekttransistoren (mit vom Stromkanal isolierten Lenkelektroden) leuchtet ebenso ein wie die Absicht Shushurins, an diesem Amp nichts mehr groß ändern zu wollen.

Dank an den Theoretiker für seinen Beitrag, sagt jetzt der Hörtest-Autor. Ich gebe es aber nur zu gerne zu, dass ich mehr Hörals Technik-Freak bin. Und gehe doch auch nicht falsch in der Annahme, dass niemand einen schlüssigen Beweis führen kann, welche Bauteile von Shushurins genialen Endstufen einen besonderen Beitrag zu ihrem magischen Klang leisten. Ist es etwa die beschriebene Röhrenstufe, oder ist es vielleicht der besondere Toroidal-Trafo mit seiner aufwendigen Installation, die ihn mechanisch nahezu völlig von der Umgebung entkoppelt, oder sind es versteckte Einzelheiten des komplexen Platinendesigns?

Egal! Genau wie bei der Aufdröselung einzelner Klangcharakteristika geht bei solchen Betrachtungen doch das Wesentliche verloren. Erst der harmonische Zusammenfluss aller jEinzelheiten zu einem Ganzen, indem jedes Teilchen zugleich seine Identität mit sich und seiner Umgebung besitzt, ergibt die Eindringlichkeit und Glaubwürdigkeit des gehörten Klanggeschehens.

Kaum dass sie speilten, versetzten die schwarzen Schwergewichte sogar meine bessere, Hifi-Ambitionen eigentlich abholde Hälfte in Stimmung. Oh je, bein Jennifer Warnes "Ballad of the runaway horse" (auf der Rob Wassermann-CD "Duets") waren wir dann beide den Tränen nahe. Und es war eine Selbstverständlichkeit, dass die reproduzierte Stimme von Diana Krall in allen Stücken ihrer "Love scenes" mit eindringlicher Harmonie von den Hörern Besitz ergreifen konnte. Sie besaß Kraft, Körper, Geschmeidigkeit, war fordernd, schmeichelte, setzte Luft in Bewegung und war erotisch.

Das Zupfen des begleitenden Basses teilte wie selbstverständlich die Schwingungen der Saiten und die Resonanz des Gehäusekörpers mit. Dass der Bass dabei in einer Qualität wiedergegeben wurde, die meine Levinson No. 333 brav aussehen ließ, dass der Klavieranschlag mit der gleichen Energie erfolgte, die man live bei guten Pianisten hören kann, und dass auch die Körperlichkeit der Gitarre inklusive ihres Meisters spürbar wurde, versteht sich. Dabei wurde von den Lamm-Monos die unglaubliche Wucht von Kralls musikalischer Darbietung mit einer Leichtigkeit und Schnelligkeit kombiniert, die das Gehörte auf direktem Wege vom Hirn in den Bauch katapultierte.

Im Zusammenpiel der drei Instrummmente und des Gesanges wurde alles hörbar, was beste Verstärker auszeichnet. Auch der Raum, der die Musiker umschließt, war spürbar und öffnete sich dem Zuhörer so, dass er sich nicht außerhalb der Musik, sondern in ihr befand.

Bedeutet all das Gesagte, dass Vladimir Shushurin mit den m1.1 die perfekten Endstufen erschaffen aht? Nein! Für mich kann es kein bestes und erst recht kein perfektes Teil einer HiFi-Kette geben, da ich längst nicht alle Komponenten auf der Welt gehört habe oder hören werde. Wem jedoch das Glück beschieden ist, entsprechend besoldet zu sein, um sich die 'Kunstwerke" des amerikanischen Russen leisten zu können, wird diese Frage abhaken.

Wer diesen Hörgenuss mit den M1.1 erlebt hat, bleibt ihnen treu. Und wenn Frömmigkeit etwas mit Beständigketi zu tun hat, machen die Lamm fromm.

 

Daten und Messwerte

Lamm Monoblöcke Model M1.1
Vertrieb: Gaudios, A-8010 Graz, Tel. 0043/316 33 71 75
Garantiezeit: 5 Jahre
Maße BxHxT(cm): 43,2 x 21 x 49,5
Gewicht: Je 30 kg
Ausstattung: Hybrid-Mono-Endstufen
Anschlussmöglichkeiten: Ein Mal Cinch-Eingang, ein Mal XLR, zwei Paar Lautsprecheranschlüsse
Besonderheiten: Load-Selector 1-6 Ohm oder 8-16 Ohm
Technik: Class-A-Monoblöcke mit röhrenbestückter zweiter Spannungsverstärkerstufe
Verarbeitung: Professionell

Messwerte auf einen Blick

Sinusleistung an 8 Ohm (Pos. 8~16 Ohm) 200W
Sinusleistung an 4 Ohm (Pos. 1~6 Ohm) 210W
Rechteck-Anstiegszeit 8 Ohm/2 Ohm 1,9/1,9 uSec
Rauschabstand 93dB
Eingangsimpedanz 40 KOhm, 525 pF

Keine noch so komplexe Last scheint die Lamm-Monos aus der Ruhe bringen zu können. Obwohl der Dämpfungsfaktorweder besonders hoch noch linear ausfällt, lässt sich weder die Rechteckflanke noch der ohnehin sehr hoch hinauf rechende Frequenzgang (Abbidung 2) von den auch am 2-Ohm-Lastwiderstand erfolgten Messungen beeindrucken. Die Impedaanzwahl für Lautsprecher von 1 bis 6 Ohm beziehungsweise von 8 bis 16 Ohm ist wohl eher eine Vorsichtsmaßnahme vor thermischer Überlastung bei absolutem Vollastbetrieb, denn mit Musik-ähnlichem Messsignal liefert die Lamm-Endstufe in der zweiten Position ohne Probleme 600 Watt an 2 Ohm. Dass es sich beim Model M1.1 um eine Hybrid-Konstruktion mit einer Treiber-Röhre handelt, ist leicht an dem röhrentypischen Klirrspektrum (Abbildung 3) erkennbar.

 

 

 

[captions under photographs -- not reproduced here]

1.Wolf im Lamm-Pelz: Wen der Klang des seit sieben Jahren ohne jegliche Veränderung gebauten und nach Klirrtheorien abgestimmten Verstärkers je gepackt hat, kann sich ihm kaum mehr entziehen.

2. Hitzig: An den kleinen Kühlkörpern in der Nähe der Röhre schwitzen stumm die Treibertransistoren. Mächtige Alu-Seiten-profile leiten die Hitze der zwölf dicken End-stufen-Halbleiter ab.